Business im Auftrag des Herrn

Beim Suchen nach einem Abendessen bleibe ich vor einem Shop hängen, dessen Überschrift mich anspringt. Irgendetwas mit Christian & Education lese ich über dem Eingang. Was mag sich im Zentrum des amerikanischen Bible-Belts, dahinter wohl verbergen? Ich gehe hinein und mich trifft fast der Schlag. Der Shop ist mindestens doppelt so groß wie ein gängiger mitteleuropäischer Aldi. Ich werde auch gleich angesprochen. Matthew heißt mein Gesprächspartner laut seinem Namensschild. Der scheint ja wohl jedes Klischee bedienen zu wollen. Wenn jetzt noch ein Johannes kommt, ist das Bild perfekt. Wir reden über die unfassbare Menge an Dingen, die die Welt (meines Erachtens) nicht braucht. Auf einem Schild ist zu lesen, dass Gott sich den USA zu gewendet hat, weil es sein Country ist. Hm… ich kann mir eine Spitze zum Thema Waffengesetze in Texas nicht verkneifen. Er meint darauf hin, dass es für Christen kein Problem sei, wenn sie als Antwort auf einen Killer, diesen ebenfalls killen. Das sei von Gott so gedacht, denn schließlich kommen die anderen sowieso in die Hölle. Ups, das scheint mir dann doch eine ziemlich gewagte These, deren theologische Grundlage sich mir aus dem Evangelium nicht erschließt. Aber er erzählt mir seine Auslegung mit einem solchen Strahlen auf den Augen, dass ich eigentlich in Gedanken nur Jesus zitieren kann: „Vater vergib Ihnen, denn Sie wissen nicht was sie tun“. Uff… ich muss raus, sonst bekomme ich schlechte Laune.
 
Auf dem Weg nach San Antonio fährt vor mir ein Haus auf den Highway!! So etwas live zu sehen ist wirklich beeindruckend. Ich verlasse spontan den Highway, und finde direkt daneben die Firma mit einem riesigen Musterhauspark. Im Office melde ich mich mit den Worten: „Hello I`m Ralf from Germany and want to see your houses “. “Hello I`m Jose, you are welcome”! Obwohl ich Jose erkläre, dass ich NUR schauen will, nimmt er sich Zeit und führt mich ausführlich über den Platz. Wir reden über dies und das, sowie das Konzept mit Hause umzuziehen im Allgemeinen. Irgendwie sind wir schon wieder beim Thema Heimat. Das Ganze scheint in den amerikanischen Genen total anders verankert zu sein, als bei uns. Für Jose ist klar, dass sein Haus sein Home ist, und wenn der Job wo anders stattfindet, dann zieht das Haus eben mit um. Ich finde das Ganze irgendwie sympathisch. Mein Lieblingsschriftsteller hat mal mir aus dem Herzen geschrieben: „Eine Immobilie macht i-mobil“. Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat. Noch eine Anmerkung zum Schluss, so ein Haus geht bei 19.000,-$ los! Wenn das mal keine Ansage an unsere frivolen Preise in Deutschland ist.
 

Ohne Worte 😉

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Who is Jack?

Wer in Amerika unterwegs ist, wird feststellen, dass es vieles im Überfluss gibt. Große Autos, tausende von Highway-Kilometern, Reichtum und Armut, sowie Fast Food. Ich sehe die für einen Europäer bekannten üblichen Verdächtigen. Dazu gesellen sich Anbieter die ich nicht kenne, mit mehr oder weniger kreativen Namen. Und es gibt JACK. Besser gesagt heißt die Kette „JACK IN THE BOX“. Seit ich den Werbemast in Dallas gesehen habe, geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf:
Wer ist Jack?
Was ist das für ein armer Tropf, den sie hier in eine Box sperren? Vermutlich ist Jack der Retter Amerikas! Denn hier gibt es ja immer etwas zu retten. Meistens Money. Zur obligatorischen Werbung gehört als stereotype Floskel in der Regel dazu: Save your money. Ich weis nicht, ob ich mein Geld retten will. Würde andererseits diese Rettung permanent stattfinden, es gäbe keine Bettler, die im Stadtpark von Houston ihr Problem so offen zu Schau stellen müssten. Sie alle würden von Jack gerettet. Und was macht man in Amerika, man sperrt Jack, den Messias des Kapitalismus, in eine Box. Bei der Suche nach einer Location zum Frühstücken steht wie zufällig ein JACK an der Kreuzung. Okay, ein Selbstversuch. Ich bestelle einen Kaffee und einen Jack in the Box. Ich könnte ihm die Freiheit schenken. Stattdessen esse ich ihn auf. Wenigstens hat er ein ordentliches Salatblatt und zwei dicke Tomatenscheiben zwischen den Brötchenhälften. Boah, so fettig habe ich schon lange nicht mehr gefrühstückt. Aber was tut man nicht alles, zur Rettung von Jack!

Später werde ich mich fragen, was ich eigentlich von Corpus Christi erwartet habe. Für einen Theologen ist DER Name schon eine Ansage. Aber ich dachte wohl eher an Pamela Ewing, die in den 80er Jahren immer von DALLAS aus nach CC geflogen ist. Im Fernsehen sah man dabei nur schöne Menschen, schöne Strände, eine schöne Stadt. Alles Fake. Schon die Anfahrt ist eine Katastrophe. Meilenweit nur hässliche Raffinerien. Jetzt kann ich mir auch den Grund für Pam`s Reisen vorstellen, schließlich handelte die Familie Ewing mit Öl!
CC selbst erinnert ein wenig an Mallorca im März. Alles schläft. Der sterbenslangweilige Mainstream-Kitsch, mit dem in der Saison die Pauschalurlauber bespaßt werden, liegt gelangweilt herum und wartet auf bessere Zeiten. Aber für mich hat es den Vorteil, dass mir die Stadt ungeschminkt begegnet. Ein Souvernir-Shop hat offen. Unfassbar groß, dass sprengt selbst meine Phantasie. Hier lerne ich Igor kennen. Er ist Deutsch-Russe und in einem Dorf in Kasachstan groß geworden. Mit seinen bescheidenen Deutsch Kenntnissen und meinen dazu bescheidenen Englisch Möglichkeiten, kommt ein spannendes Gespräch zu Stande. Igor ist seit acht Jahren in CC und dachte hier so etwas wie Heimat zu finden. Dachte! Was ihn tröstet ist, dass er die Amerikaner selbst als „heimatlose Getriebene“ erlebt. Heute Texas, morgen Alaska, in den USA normal!
Dann besuche ich den Publik-Rest-Room und komme mit Dave und Robert ins Gespräch. Beide leben auf der Straße, und deshalb praktischerweise hier, da ist wenigstens eine sanitäre Grundversorgung gewährleistet. Wir reden über die Armen in Amerika und interessanterweise suchen die Beiden den Grund für Ihr Schicksal ausschließlich bei sich selbst. Sie haben sich vermutlich nicht genug angestrengt. Verstehe einer die Amerikaner.
 

Übrigens ich kann auch Tiere!

Forrest – Bubba – Daniel

Der Tag heute begann, als die erste Nacht im Auto auf meiner neu erworbenen Matratze beendet war. Es hätte eine gute Nacht sein können, wäre nicht diese moderne Technik. Eigentlich war geplant, die Heckklappe etwas geöffnet zu lassen, um meinen Beinen mehr Raum zu verschaffen. Nur leider piepte die Technik unentwegt, und wollte mir mitteilen, dass meine Klappe nicht ganz dicht sei. Vielleicht war ja auch der Ingenieur nicht ganz dicht, der diese Technik erdachte! Irgendwann wurde es mit zu bunt und ich begnügte mich mit dem zur Verfügung stehenden Raum, was zur Folge hatte, dass ich die Nacht ziemlich eingeklappt verbringen musste. Heute werde ich mal versuchen die Technik zu überlisten.
Von Houston aus dann noch ein kleiner Abstecher nach Galveston. Hier wurde Forest Gump ein Denkmal gesetzt. Shrimp-Restaurant, Souvenir-Shop und sogar ein Nachbau der berühmten Bank aus dem Film war vorhanden. Na klar, ich habe mich auch hingesetzt. Die Aufnahme erbrachte ein wunderbares Gespräch mit dem Verkäufer des Shops. Mich beruhigt, dass er so wie ich auch keine Shrimps mag.
Dann nach Corpus Christi. Auf einem Rastplatz lerne ich Daniel kennen. Er repariert gerade seinen Truck Baujahr 1995. Als Daniel erfährt wo ich herkomme, ist er begeistert und erzählt von seiner Zeit in der Army. Er war 10 Jahre in Pirmasens stationiert. Daniel schaut verträumt in den Himmel und meint, Pirmasens sei die beste Zeit seines Lebens gewesen. Während er so philosophiert, über lege ich angestrengt, was mir zu Pirmasens einfällt. Nichts! Aber für einen Amerikaner scheint es etwas nachhaltiges bereit zu halten. Wir verabschieden uns herzlich und er ruft mir zu: Have a nice time in Texas.

Von Nachrichten und anderen Nichtigkeiten

Heute bin ich direkt in den amerikanischen Alltag eingetaucht. Frühstück im Hotel. Es gibt Kaffee. Milch aus ganz kleinen Wegwerf – Einweg – Töpfchen. Wer mich kennt weis, ich brauche ordentlich Milch. Und dann der erste Schluck. Meine Geschmacksnerven geben ein Signal, dass bei Sympathiewettbewerben gegen Landmienen bestehen könnte. Es ist grauenhaft. Aber was ist das eigentlich. Ich entdecke im Kleingedruckten „Hazel Nut“. Oh man, will ich Nüsse futtern oder Kaffee trinken, dazu pappsüß. Die Brühe ist nicht runter zu bekommen. Zweiter Versuch diesmal mit Creme. Besser, ziemlich fett, aber zumindest geschmacksneutral.
Nebenbei läuft der Fernseher. Ich frage mich, wieviel Menschen hier eigentlich total verblödet sind. Oder abgestumpft. Im NBC-News laufen in 15 Minuten genau vier Minuten Nachrichten, dazu eine Minute Wetter-News. Die restlichen zehn Minuten sind Werbung, die mit einer irren Lautstärke in die Köpfe gehämmert werden soll. Klar, denn sie scheint ja nicht anzukommen. Wie sonst ist zu erklären, dass zunächst Werbung für Waffeln und Erdnussbutter läuft und direkt danach ein neues Medikament für Diabetes Typ 2 angeboten wird. Oh man, was für eine Mittelmäßigkeit, und keiner bemerkt etwas.
Dann mache ich mich auf die Suche nach einer Matratze. Im Matress-Shop lerne ich Samantha kennen. Das Gespräch ist sehr nett, sie empfiehlt mir eine heruntergesetzte Matratze mitzunehmen, zu nutzen und nächste Woche zurück zu bringen. Dann bekomme ich das Geld wieder. Hm, mein Gesicht sagt vermutlich so etwas wie: Und wo ist der Hacken? Worauf sie mir erläutert, dass ihre Prämie auf den Verkauf anfällt, sie diese aber AUCH bekommt, wenn die Matratze zurückkommt. Kann Sie ja nichts dafür, wenn die nur sch… Qualität liefern. Ne wenn sie meint!
Auf dem Weg nach Houston bin ich heute an Palästina, Athen und Korsika vorbeigekommen. Welch eine Reise. Bei ihrer Namensauswahl sind die Amerikaner schon kreativ. Und Huntsville habe ich gesehen. Hinter diesem Wall werden also Menschen umgebracht. Ich mag den Begriff hinrichten nicht, dass klingt für mich verniedlichend. Nein umgebracht, ihres Lebens beraubt. Der Staat nimmt sich das Recht, über Leben und Tot zu entscheiden. Blos weg von diesem unappetitlichen Ort. In Houston dann noch das Hard Rock Cafe. Es soll ja Menschen geben, die behaupten ich würde meine Urlaubsziele nach der HRC-Karte auswählen. Also gäbe es dort ein HRC, in Huntsville, hätte ich KEIN T-Shirt gekauft.
Jetzt bin ich gespannt auf die erste Nacht im Auto, mit neuer Matratze!

Neulich in München

Dass die Menschen in Bayern mitunter einen ganz eigenen Humor haben, sollte hinreichend bekannt sein. Und trotzdem war ich heute Morgen ziemlich erstaunt, was ich auf der S-Bahn Fahrt zum Münchner Flughafen erleben konnte. Dazu muss man zunächst feststellen, dass der Flughafen eine gute Dreiviertelstunde von der Innenstadt entfernt ist. Also im Grund müsste er „Erdinger Moos International“ heißen. Aber dass nur am Rande erwähnt. Ich steige also in die S1 von der Donnersberger Brücke zum Airport Munich, was hier noch groß auf der Anzeigetafel zu lesen ist. Die Bahn ist für die Uhrzeit, 5:45 Uhr, erstaunlich gut gefüllt. Die Menschen um mich herum allerding, so wie ich auch, eher im Dämmerzustand unterwegs. Die Durchsage zur folgende Haltestelle kommt regelmäßig, alles scheint normal abzulaufen. Dann, irgendwo in der Bavaria-middle-of-nowehre, DIE Durchsage welche den dösenden Waggon schlagartig erwachen lässt.
Wer jetzt im falschen Zug ist, soll bitte bei der nächsten Station die S-Bahn wechseln!
Hä…? Was soll das? Wieso falscher Zug? Panik macht sich breit. Menschen um mich herum klauben hektisch ihr Gepäck zusammen. Ratlosigkeit. Eine Frau meint: „Ich glaube die hängen im nächsten Bahnhof die eine Hälfte des Zuges ab“. Noch mehr Panik. Der Zug hält an, ein Ehepaar geht zum Ausgang. Er geht hinaus und die Gattin wird zielsicher in der Tür platziert. „Du bleibst hier stehen, bis ich weiß was los ist“. Zwischenzeitlich fällt mir ein, dass heute der 1. April ist. Könnte das ein inszenierter Aprilscherz sein? Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Gatte zurück. Seine Frau wird so laut informiert, dass es alle anderen auch mitbekommen. „Wir sind auf der richtigen Seite, die haben den anderen Teil abgehängt“. Ich bin einerseits erleichtert, frage mich dann aber schon, welch genialer Kopf sich so etwas ausdenkt. Nichts für schwache Nerven. Liebe MVV, setzen sechs, dass geht besser! Bleibt zu erwähnen, dass ich ohne weiter Zwischenfälle am Flughafen München angekommen bin.

Auf in die Freiheit!

Auf in die Freiheit–?! Welch ein vor Klischee-Schleim triefender Satz! Ich bin entsetzt. Trotzdem kann ich mich nicht davon befreien. Schon wieder „frei“. Gerade in den letzten Tagen wabern mir die wenigen Worte, immer wieder durch meine grauen Zellen. Und es wird langsam Ernst. Das Land der großen Freiheit rückt näher. Everything Is Big in Texas, habe ich zwischenzeitlich von einer Insiderin gelernt 😉 . Auch das Gefühl der Freiheit? Freiheit XXL? Was bedeutet mir Freiheit? Zu Beginn meiner Gedankenreise fällt mir natürlich -ganz Theologe- Martin Luther ein. Seine Erkenntnis der Freiheit eines Christenmenschen war die Initialzündung für Viele. Viele die unterdrückt waren, die unter dem Joch der römischen Kurie geächzt und gestöhnt haben. Mit Gott und Glauben hatte das damals zunächst recht wenig zu tun. War von Menschen gemacht!
Und heute? Ist die Beschneidung von Freiheit nicht immer irgendwie von Menschen gemacht? Bert Brecht hat sehr treffend festgestellt: „Die Freiheit eines Menschen endet dort, wo die Freiheit eines anderen Menschen beginnt„. Also wo Menschen sich begegnen, endet zwangsläufig auch Freiheit? Bedeutet, dass denn anders herum gedacht, dass ich dann frei wäre, wenn ich alleine auf der Erde leben würde?
Will ich gar nicht. Ich bin ein Beziehungsmensch. Mir macht es nichts aus, einen Teil meiner Freiheit zu verschenken, mich zu verschenken. Und trotzdem, ich freue mich auf Amerika, auf Texas, auf die Menschen, denen ich begegne. Der Rucksack ist gepackt, Dallas ich komme. Und vielleicht treffe ich ja auf J.R. und denke an meine Kindheit. Damals, als die Southfork – Ranch in Dallas, immer wieder Dienstags Abends der Ort von Sehnsucht und Freiheit war.
Ich bin dann mal weg.